Von Schuldenbergen und Scherbenhaufen

Das OSI nach dem Sommer 2011
Die Bibliotheken sind wieder gefüllt, die Vorlesungen haben wieder begonnen, das Semester hat wieder angefangen. Neben der neuen Trennwand zwischen den Hörsälen 21 A und B, und dem Kanalwechsel auf den Flachbildfernsehern von tonlosem Phoenix auf Veranstaltungsanzeigen, hat sich auch unter der Oberfläche des OSI einiges im Sommer verändert, und zwar zum Schlechteren. Der finanzielle Druck auf das OSI durch die nun durch das BerlHg vorgeschriebene Bezahlung fast aller Lehrveranstaltungen ist angewachsen. Vermittelt wird dieser direkt auf die Lehre über die Forderung nach billigeren Studienplänen für den Master, nach mehr etatisierter Lehre statt Lehraufträgen und neuen und reduzierten Bedarfslisten für Seminare und Tutorien. Verschärfend wirkt auch die neue Besetzung der Lehrplanung. Sabine von Oppeln wird in ihrer neuen Position aller Voraussicht nach versuchen, den Einfluss der Ausbildungskommission (Studis stellen die Hälfte aller Mitglieder!) zurückzudrängen. Wenn sich nichts ändert, wird das Lehrangebot im nächsten Sommersemester deswegen weniger an Menge, weniger vielfältig und weniger kritisch sein. In den folgenden Zeilen werden wir die Details zu dieser Entwicklung darlegen.

BerlHg-Reform bringt OSI in Bedrängnis
Zwar existiert seit 1986 ein Tarifvertrag der die Bezahlung von Tutor_innen regelt und damit die Nichtbezahlung von Tutorien illegalisiert. Aber erst die Änderung des BerlHg im Frühling 2011 veranlasste das Präsidium dazu, Druck auf das OSI bezüglich der Tutoriensituation aufzubauen. Auch die Nichtbezahlung von Lehraufträgen war mit dem neuen BerlHg illegal. Was eigentlich schon immer Standard sein sollte, war im Falle des OSI leider weder flankiert von Übergangsregelungen, noch von finanzieller Katastrophenhilfe seitens des Senats oder Präsidiums. Das OSI, das in der Vergangenheit sehr stark auf unbezahlte Lehre „gesetzt“ hatte und davon abhängig ist, stand deswegen im Sommer urplötzlich im Schlamassel. Es hatte die Wahl zwischen der Anhäufung eines riesigen Scherbenhaufens oder eines gigantischen Schuldenbergs. Einerseits konnte es ein finanzierbares aber für Studis und Lehrende unzumutbares Winz-Lehrangebot vorlegen, was Vielfalt in der Lehre zerquetschen und Veranstaltungen zahlenmäßig sprengen würde. Andererseits konnte das OSI das vorab geplante und notwendige Minimal-Lehrangebot verabschieden, würde aber dadurch zunächst auf einem riesigen Schuldenberg sitzen. Der Institutsrat des OSI entschied sich in seiner letzten Sommersitzung einstimmig für den Schuldenberg, zusätzlich sollten alle Leistungsmittel vorzeitig ausgeschüttet werden, um mit einem dicken Minus im Haushalt einen Handlungsdruck für das Präsidium zu erzeugen. Diesem Plan funkte allerdings bald das Dekanat dazwischen. Es genehmigte den tiefroten Haushalt des OSI nicht und war der Auffassung, das OSI solle das Lehrangebot hauptsächlich durch Leistungsmittel finanzieren. Somit war die Frontstellung des OSI gegenüber dem Präsidium dahin, noch ehe sie sich aufgebaut hatte.

Das OSI isoliert
Stattdessen stellte sich das Dekanat eher auf die Seite der anderen Institute des Fachbereichs, die das OSI schon lange aufgrund von überproportionaler Ressourcenanhäufung kritisieren. Nach Auffassung dieser, die übrigens ihre Lehre schon immer bezahlt hatten, solle das OSI einfach besser wirtschaften. Vornehmlich soll dies möglich sein, durch das Verabschieden von Studienordnungen, die auch „lehrbar“ sind, d.h. deren Veranstaltungen vom etatisierten Personal (WiMis und Profs) mit geringeren Kosten abgedeckt werden können. Vor einer entsprechenden „Anpassung der Studienordnungen an die Lehrkapazität“ hat das OSI weder von Dekanat noch Präsidium Hilfe zu erwarten.

Angriff auf kritische Lehre durch die Hintertür
Der Druck auf die im letzten Semester eingesetzte Studienreformkommission ist deswegen immens. Die neuen Master-Studienordnungen sollen noch in diesem Semester so eingerichtet werden, dass große Kostenstellen auch den Löwenanteil an der Lehre ausmachen, während Module prekärer Fächer wie die Ideengeschichte mit Verweis auf geringe Lehrkapazität zusammengestrichen werden sollen. Da unsere Bemühungen vielfältige und kritische Forschung und Lehre am Institut zu halten und zu etablieren meist wegen den bestehenden Kräfteverhältnissen nur begrenzt erfolgreich sind, folgt nun der nächste Akt der Transformation des OSI. Geht es nach einigen Profs, werden prekäre Fächer nun in der Studienordnung zusammengestrichen. Die in Forschung und Lehre immer weiter eingebüßte Vielfalt konnte in der Vergangenheit noch durch eine gut koordinierte Lehrplanung mit der Ausbildungskommission zumindest durch die Vergabe von Lehraufträgen an auswärtige Dozent_innen abgefedert werden. Insbesondere Kritische Perspektiven, die heute am etatisierten OSI kaum noch Platz finden, kommen durch die Vergabe von Lehraufträgen am OSI noch zur Geltung. Diese Praxis wird nicht mehr möglich sein, wenn Studienordnungen auf etatisiertes, also schon vorhandenes Lehrpotential zugeschnitten werden. Des Weiteren hat der akute Geldmangel des OSI zur Folge dass Tutorien nur noch von reichen Kostenstellen oder durch „Schummeln“ und Nichtbezahlen angeboten werden können. In der Ideengeschichte wird in diesem Semester beispielsweise kein einziges Tutorium mehr angeboten. Somit hat die Änderung des BerlHg über Umwege die Folge, dass vielfältiger Lehre und insbesondere kritischer Lehre sowie vielen Tutorien am OSI schon im nächsten Semester der Todesstoß versetzt werden könnte.

Lehrplanung als Spielball der Interessen
Im zweiten großen Konflikt dieses Sommers ging es um die Besetzung der zum ersten Oktober frei werdenden Stelle für die Lehrplanung. Insgesamt stehen dem OSI 2,5 Dauerstellen zur Verfügung und das OSI vereinbarte in Zielvereinbarungen mit dem Dekanat, eine dieser Stellen zukünftig für die Lehrplanung zu besetzen. Da die nächste Dauerstelle erst 2015 frei wird, wurde lange um eine mögliche durch das OSI vollfinanzierte Zwischenlösung gerungen. Nach dem Finden dieser Lösung und dem Unterschreiben der Zielvereinbarungen für die nächsten Jahre lehnte schließlich das Präsidium eben diese Zwischenregelung ab und war der Meinung, das OSI habe ohnehin zu viele Stellen und dem OSI genügte für die Lehrplanung lediglich eine halbe Stelle. Dass die wesentlich kleinere Publizistik gleichzeitig eine volle Stelle für die Lehrplanung bewilligt bekam offenbart den politischen Charakter dieser Entscheidung. Für das OSI bedeutet das laut geschäftsführender Direktorin Frau Börzel einen „glatten Bruch der Zielvereinbarungen.“ Statt der in den Zielvereinbarungen festgeschriebenen Zwischenlösung, stellte das Präsidium das OSI nun vor die Wahl, dass sich entweder ein akademischer Rat oder Prof für die Lehrplanung finde und als Kompensation eine halbe WiMi-Stelle erhält, oder dass das OSI die Lehre an die Fachbereichsverwaltung delegiert und dafür jährlich 30.000€ überweist.

Verschärfender Faktor: Sabine von Oppeln
Schließlich erklärte sich Frau von Oppeln als einzige Freiwillige bereit, den Job zu machen. In einem diffusen und rechtlich mehr als fragwürdigen Umlaufverfahren (ein schriftlicher „Ersatz“ um ohne eine Sitzung einen Institutsratsbeschluss herbeizuführen) sollte von Oppeln, schließlich auf den Sessel der Lehrplanung gehievt werden. Wir stemmten uns dagegen, denn von Oppeln hat sich in der Vergangenheit als wenig studifreundlich gezeigt. In ihrer Amtszeit 2007-2009 als Studiendekanin war sie maßgeblich an der Abschaffung der Vollprofessur für Ideengeschichte am OSI beteiligt. Auch war sie beteiligt am Scheitern des 4-Jahres-Bachelors (nachzulesen hier und hier). Sie wird unserer Einschätzung nach in ihrer neuen Position die Praxis, vielfältige und kritische Veranstaltungen durch Lehraufträge anzuwerben enorm erschweren. Was früher von der Lehrplanung mit der Ausbildungskommission mit Studis konsensuell abgestimmt wurde, droht nun mit von Oppeln undemokratisch durchgepeitscht zu werden.

Info-Veranstaltung am 08.11.2011
Änderungen der MA- Studienordnungen zu Ungunsten prekärer Bereiche, ein Zusammenstreichen der Lehraufträge und damit der Ergänzenden und kritischen Lehrveranstaltungen, eine erhebliche Schwächung des studentischen Einflusses auf die Lehre, weniger Tutorien, vor allem in prekären Bereichen: das ist bzw. wird das Ergebnis dieses Semesters sein, wenn wir nicht aktiv werden. Die Bezahlung von Lehre ist nicht mit einem kritischen und vielfältigen Lehrangebot unvereinbar. Die Bestrebungen im Professorium die Lehre zu beschneiden sind viel mehr politischer Natur. Am 8. November wird zu dieser Thematik von der FSI*OSI und dem Arbeitskreis Kritische Lehre von „reflect!“ eine Informationsveranstaltung zur Lehrsituation angeboten. Auf dieser Veranstaltung werden wir die Lehrsituation, im Besonderen die der Lehrbeauftragten und Tutor_innen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und versuchen mögliche Handlungspotentiale auszuloten. Wir hoffen auf euer zahlreiches Erscheinen.