Bericht aus dem Institutsrat vom 19.1.

Nach den Gremienwahlen der letzten Woche (siehe hier) tagte der Institutsrat (IR) an diesem Mittwoch, 19.1.2011, noch in alter Besetzung. Alte Besetzung? Nur fast, denn Dagmar Vinz, die eigentlich bis zur Neukonstituierung des Institutsrats den Posten der geschäftsführenden Direktorin innehat, bat um Entbindung von ihrer Funktion. Bis zum Beginn der neuen Legislaturperiode (sie wird wohl noch im Wintersemester anfangen) wird dafür Susanne Lütz stellvertretend den Vorsitz übernehmen.

Das alles beherrschende Thema der Sitzung war die Diskussion und Verabschiedung der Lehrplanung. Davor wurden jedoch noch zwei weitere Punkte verhandelt, die zumindest notiert werden sollten.

Weiterbeschäftigung von Klaus Roth und die Zukunft der Professur für Ideengeschichte

Unter dem Tagesordnungspunkt „Mitteilungen und Anfragen“ gab es anlässlich der Zusage des Präsidiums, Klaus Roth weiter am OSI zu beschäftigen, nochmals einige Klarstellungen im Hinblick auf seinen Status und die Zukunft der Ideengeschichtsprofessur. Demzufolge hat Klaus Roth zwar nicht den Status eines Professors, verfügt aber das Promotionsrecht sowie eine eigene Kostenstelle für Leistungsmittel. Mit einer regulären Vollprofessur Ideengeschichte ist in diesem Augenblick erst nach der Verrentung von Herrn Roth, d.h. nicht in näherer Zukunft, zu rechnen – und auch die Einrichtung einer solchen Vollprofessur wird dann wohl entscheidend von den künftigen Kräfteverhältnissen am Institut abhängen.

Der „Leviathan“ – ein prekäres Projekt

Nach der Zukunft der Ideengeschichtsprofessur ging es danach um die Zukunft der „Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft – Leviathan“ – so dramatisch wurde die Situation zumindest von Gerhard Göhler und Bodo von Greiff als Vertretern des Projekts dargestellt. Der Hintergrund: Der „Leviathan“ wurde 1972 aus der FU heraus gegründet und finanziert sich inzwischen über Beiträge der HU, der Hertie School of Governance, des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und der FU. Anscheinend fiel der Haushaltskommission des Fachbereichs nun dieser Posten negativ auf – diese hat daher dem Fachbereichsrat den Vorschlag unterbreitet, die Unterstützung restlos zu streichen. Nach Gerhard Göhlers Ausführungen würde damit ein entscheidendes Standbein des Projekts abgesägt, die Redaktionsarbeit nicht mehr durchführbar werden. Letztendlich wird die Entscheidung im Fachbereichsrat (FBR) fallen. Einigkeit herrschte darüber, sich weiterhin für die Unterstützung des Projekts einzusetzen. Aus der Ecke von Susanne Lütz und Tanja Börzel wurde jedoch mit Nachdruck auch eine Suche nach alternativen Finanzierungsquellen für die langfristige Perspektive gefordert. Dennoch beschloss der IR einstimmig, dem FBR eine Fortsetzung der Finanzierung zu empfehlen; das Institut für Soziologie soll in diesem Zusammenhang ebenfalls zur Finanzierung beitragen.

Die Lehrplanung – Chaos in der Lehrplanung und „gender trouble“

Nun aber zum wichtigsten Punkt der Sitzung: die Lehrplanung für das Sommersemester 2011. Neben der allgemeinen Absegnung der angebotenen Veranstaltungen ging es insbesondere um die Besoldung von Lehraufträgen – von Lehrveranstaltung also, die nicht über die Kostenstellen der Professuren finanziert werden. Insofern war es ein Schaulaufen unterschiedlicher Auffassungen davon, was relevante Studieninhalte sind und was nicht – ein wahrer clash of ideologies. Zunächst gibt es jedoch wie jedes Jahr eine erschütternde Zahl festzuhalten: 43 von ca. 70 Lehraufträgen werden auch im Sommersemester wieder unbesoldet sein. Nicht nur ein Armutszeugnis für die Lehrbedingungen und die Finanzen am OSI, sondern auch ein Ausdruck der zunehmenden Prekarisierung von (jungen) Wissenschaftler_innen.

Besonders prekär geht es auch im nächsten Semester im Bereich „Rechtliche Grundlagen“ zu, in dem nur mit Mühe genug Veranstaltungen zusammen kommen, um ein grundständiges Angebot zu sichern. Im Grundstudium kommt dabei keine einzige Lehrveranstaltung von etatisierten, d.h. fest angestellten, Mitarbeiter_innen. Wie zu erwarten schneiden dagegen jene Bereiche, die über (mindestens) eine Vollprofessur verfügen, also Analyse und Vergleich, IB und – dank der Rückkehr von Klaus Roth – auch wieder die (Moderne) Politische Theorie besser ab.

Zum Einstieg gab es erst mal einen kollektiven Rüffel an Frank Lettau, der seit letztem Sommersemester die Lehrplanung koordiniert, angesichts der Unvollständigkeit und Unübersichtlichkeit der Vorlagen. Überhaupt verschwand sein Gesicht im Laufe der Sitzung immer kleinlauter hinter seinem Laptop. Das OSI sollte sich hier schnellstens Gedanken machen, ob diese Situation weiter tragbar ist, zumal Hr. Lettau bereits angekündigt hat, seinen Posten bis zum Wintersemester 2011/12 niederzulegen. Derzeit wird die komplette Lehrplanung von Hr. Lettau – der nebenher noch Lehrveranstaltungen betreut – und zwei studentischen Hilfskräften gestemmt, noch dazu forderte das Präsidium in diesem Semester eine Umstellung auf eine neue Datenbank, mit allen Anlaufschwierigkeiten, die ein solches Projekt mit sich bringt. Wir werden uns in der nächsten Zeit dafür einsetzen, dass die Lehrplanung entlastet und bald wieder eine Dauerstelle für diese Aufgabe geschaffen wird – nach der Sitzung am Mittwoch hoffentlich mit Unterstützung der professoralen Mehrheit. So hätte die chaotische Sitzung im Nachhinein womöglich doch noch etwas Gutes.

Konflikte gab es wieder einmal über die Besoldung der Lehraufträge: aus zentralen Mitteln, d.h. aus der Kostenstelle des Institutsrats selber, können maximal 10-14 Lehraufträge im Jahr bezahlt werden. Sofern also nicht gleich alle Mittel für die Lehraufträge im Sommersemester „verpulvert“ werden sollen, bleiben nur zwei Möglichkeiten: andere Kostenstellen (diese sind meist an die Lehrstühle angehängt) übernehmen die Finanzierung, oder es müssen Lehraufträge gestrichen werden. Es wurde sich darauf geeinigt, dass der IR mindestens fünf und höchstens sieben Lehraufträge finanziert, damit fehlen mindestens weitere fünf, deren Finanzierung unklar ist. Einen interessanten Einblick in die Gedankenwelt von Fr. Lütz bot dabei die Diskussion um das Lehrangebot im Bereich „System der BRD“: in der Überblicksliste über die Lehraufträge tauchten drei Veranstaltungen auf, eine zur Geschichte schwul-lesbischer Bewegungen in Deutschland, eine mit Gender-Schwerpunkt zum Bildungssystem und eine mit (Zitat aus dem Seminartitel) „kritischem Blick auf das Regierungssystem der BRD“. Fr. Lütz kommentierte dies mit den Worten „soviel Gender, muss das sein?“. Eine interessante Bemerkung angesichts der Tatsache, dass GEND-Proseminare im Gesamtangebot wieder einmal äußerst dünn gesät sind – immerhin eine in der BA-Studienordnung als verpflichtend geltende Veranstaltungsform. Auch, wie mensch von „kritischem Blick auf das Regierungssystem“ eine Verbindung zu Gender-Thematiken herstellt, blieb zumindest den Studierenden im IR verborgen. Der ebenso entrüstete wie faktisch falsche Hinweis, dass ja dann das ganze Lehrangebot im Bereich System der BRD aus Gender-Seminaren bestünde, durfte nicht fehlen. Dass es sich hier um eine Verwechslung zwischen Lehrauftragsliste und Gesamtangebot (das selbstverständlich in seiner Mehrheit andere Schwerpunkte setzt) handelte, mussten erst die Vertreter_innen der Ausbildungskommission (ABK) richtig stellen. Immerhin scheint die Intervention gewirkt zu haben: schließlich kündigte Fr. Lütz an, das Seminar mit dem „kritischen Blick“ über ihre Kostenstelle zu besolden.

Weiterer Dauerstreitpunkt: die Besoldung von BS-/ABV-Seminaren

Als einziger Bereich, der keinem Lehrstuhl bzw. Arbeitsbereich zugeordnet ist, in dem zugleich aber ein hoher Bedarf an besoldeten Lehraufträgen herrscht, gibt es bei jeder Lehrplanungssitzung Streit um die Berufsorientierenden Seminare (BS) im ABV-Bereich. Auch in diesem Jahr werden Hr. Lettau, als Chef der Lehrplanung, und Hr. Chojnacki, als Vorsitzender der Ausbildungskommission, wieder eine „Betteltour“ durch die Lehrstühle starten müssen, um die ausstehenden Finanzierungen zu bekommen. Damit dies in Zukunft anders wird, soll die ABK nun im Auftrag des Institutsrats ein Verfahren erarbeiten, das die Kostenstellen den einzelnen ABV-Bereichen (informell und nach dem Rotationsprinzip) zuordnet.

Das Lehrangebot, die Liste beantragter Blockseminare, die Anträge auf Teilnahmebeschränkungen (wie immer: nur bei PS/TWAs und Veranstaltungen im PC-Pool sowie bei Seminare des Bezahlmasters „Gender und Diversity Kompetenz“) wurden schließlich vom IR beschlossen. Nun muss noch der Fachbereich zustimmen, dann haben wir auch im Sommersemester 2011 wieder ein Lehrangebot.

Strategiepapier zur Qualitätssicherung

Nach dieser mehrstündigen – und offen gesagt ziemlich anstrengenden – Diskussion blieb nicht mehr viel Zeit, um das „Strategiepapier zur Qualitätssicherung in der Lehre“ zu diskutieren. Eine Beschlussfassung war nicht vorgesehen, da das Papier offiziell im FBR verabschiedet wird. Der Fachbereichsrat befindet nächste Woche darüber, und in dem Papier finden sich neben vielen konsensfähigen Ankündigungen (etwa der, dass Lehrveranstaltungen mehr Wert auf Feedback der Teilnehmer_innen legen sollen) auch mindestens ein vermutlich sehr kontroverser Punkt: darin wird einem vierjährigen Bachelor am OSI eine klare Absage erteilt, jedenfalls für die nächste Zeit. Der FBR tagt nächsten Mittwoch, am 26.1., ab 10 Uhr im Hörsaal 21/B – die Anwesenheit einer kritischen Öffentlichkeit ist immer begrüßenswert…

Der letzte, nicht-öffentliche Tagesordnungspunkt des Institutsrats dagegen wurde wegen mangelnder Beschlussfähigkeit vertagt. Nach drei Stunden Sitzung waren gerade einmal noch 4 Vertreter_innen anwesend.